UN COUP DE DÉS

EIN WÜRFELWURF

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist das Poem “Un Coup de Dés” (Ein Würfelwurf) von Stéphane Mallarmé. Der symbolistische Dichter verteidigt hier nicht nur den Absolutheitsanspruch und das Geheimnis der Poesie. “Seine geschliffenen Verse, seine tiefsinnigen und dunklen Bilder und seine äußerst verknappte, schwierige Syntax sperren sich dem schnellen Zugriff des Lesers. Sie entmaterialisieren die gegenständliche Welt und verwandeln sie – der impressionistischen Malerei vergleichbar – in ein Spiel von Farben und Klängen, sie sind geistige Musik, waghalsiges Gedankenexperiment und Meditation über das Wesen der Kunst” (Johannes Hauck).

Zugleich thematisiert Mallarmé auch die innertextliche Bedeutung des geschriebenen Wortes und ihre Erscheinung auf der leeren Buchseite. Einerseits verwendet er hierfür verschiedene Drucktypen um die Betonung und Bedeutung der einzelnen Worte im Text aufzuzeigen. Andererseits kommt die Plazierung der Worte, Zeilen oder Verse als Stilisierungsmoment hinzu, die eine tiefenwirksame Dialogform der übereinandergeschichteten Stimmen und Motive bewirkt. Das Weiß der Seite wird somit zu einem aktiven Bestandteil des Textes, es verweist auf das Schweigen, die Leere, das Nichts in der Sprache. Mallarmé spricht in diesem Zusammenhang auch von der Sprache als poetischem Sternenhimmel.

Der Erfahrung des Nichts und der Leere setzt Mallarmé die absolute Poesie entgegen, die das Unvermögen der Sprache konstatiert und sie zugleich auch durch sich selbst zu retten versucht.

Aus dieser Haltung, aus dem Mangel der Sprache, erzeugt Mallarmé eine Poesie, die nicht mehr den Mitteilungsauftrag der “Alltags-Sprache” erfüllen will, sondern selbst Sinn bedeutet. Er veweigert sich in seinen Gedichten dem Gebot der direkten Verständlichkeit, denn für ihn hängt Schönheit mit Geheimnis (Mysterium) zusammen.

In der Abstraktheit und Musikalität der Sprache Mallarmés, in seinem Zweifel an ihr und in seiner gleichzeitigen Liebe zu ihr, sehe ich eine Entsprechung zu meiner eigenen künstlerischen Arbeit. Unter anderem dient mir die Blindenschrift als abstrakteste Form des Schreibens dazu – indem ich sie in meine Bilder integriere oder aus ihr Bilder hervorbringe – das Schweigen der Worte zu visualisieren. Die Sprache ist eine abstrakte Illustration der menschlichen Wahrnehmung, deren kommunikativer Charakter auf Konventionen beruht. Aus der Systematik der Blindenschrift-Punkte, welche die Buchstaben und Worte bilden (Konvention), gehen in meiner Arbeit die inhaltlichen und formalen Bezüge des Bildes hervor.

Zu diesen visuellen Strukturen der Sprache bin ich gleichermaßen auch an ihren tonalen Entsprechungen interessiert. Die Punkte der Braille-Schrift können hierbei die Ausgangsnoten für die musikalische Bearbeitung des ausgewählten Textes bilden, oder, wie im vorliegenden Fall, ist die Komposition parallel zu Sprache und Bild gestellt. Worte, visuelle Erscheinung des Bildes und Klangübertragung formen somit eine Einheit, die durch eine innere Logik (Konvention) verbunden ist, ohne ihre Schönheit und ihr Geheimnis (im Mallarmé‘schen Sinne) zu verlieren.

Un Coup De Dés D1

Un Coup De Dés D2

Un Coup De Dés D3

Un Coup De Dès D4

Un Coup De Dés D5

alle Arbeiten:
UKV, Acryllack + Pigmente auf Hornitex,
168 × 240 cm, zweiteilig,
1994

Sammlungen:
Hessischer Rundfunk Frankfurt
Deutsche Staatsbibliothek Frankfurt
Sammlung Lindner Arnstorf
Sammnlung Medienhaus Frankfurt
Sammlung Allgemeine Deutsche Direktbank Frankfurt
Musée Mallarmé Valaines sur Seine, Frankfureich

Un Coup De Dés D6

Un Coup De Dés D7

Un Coup De Dés D8

Un Coup De Dés D9

Un Coup De Dés D10

Un Coup De Dés D1 – D10
Siebdruck auf Chromolux
je 40 × 50 cm
Auflage je 15 Exemplare